Regionale Originale in der Jakobspassage

Ein Unternehmer-Trio hat in Görlitz ein Geschäft eröffnet, das die eigenen Produkte anbietet, smarte Möbel, Vintage-Räder und Fair-Trade-Kleidung. Es ist aber auch ein Anker für andere Kreative aus der Region.

Wenn sich Besucher in der Jakobspassage umschauen, fallen immer mal diese Sätze: „Toller Laden! Sieht aus wie ein Geschäft, das nach Berlin gehört.“ Das ist natürlich als Kompliment gemeint und einfach so dahin gesagt, denn einen Läden wie diesen, so hip und urban, mit trendbewusstem Sortiment und Interieur, gibt es hier nicht allzu oft. Nicht in Görlitz, gut 200 Kilometer und etliche Welten von der Hauptstadt entfernt. Die drei Chefs der Jakobspassage fühlen sich in der kleinen Hauptstadt der Lausitz allerdings genau am richtigen Ort. Hier haben sie Möglichkeiten gefunden, die sie woanders vermissten. Hier haben sie als Unternehmer-Trio Kompetenzen gebündelt und potenziert.

„Görlitz hat genau die richtige Dimension zwischen Groß- und Kleinstadt. Man findet hier noch genügend Freiräume, um sich auszuprobieren“

Die Jakobspassage ist ein Novum in Görlitz – eigentlich ein Geschäft im Stadtzentrum, aber doch mehr als das, denn die über 100 Quadratmeter in der Jakobsstraße sind zugleich Verkaufsstätte, Showroom und Arbeitsplatz der Betreiber. Robert Melcher ist Möbeldesigner und hat passenderweise auch die Ladeneinrichtung entworfen, inklusive imposanter Holzpodeste und smartem Kleinmobiliar. Clemens Kießling verkauft Fair-Trade-Kleidung und Sebastian König bietet restaurierte Fahrräder an. Keiner von ihnen stammt aus Görlitz, aber jeder für sich hat im Lauf der Zeit hierher gefunden und die Stärken der Stadt erkannt. „Görlitz hat genau die richtige Dimension zwischen Groß- und Kleinstadt. Man findet hier noch genügend Freiräume, um sich auszuprobieren“, sagt Clemens Kießling. Ihr Ziel: Besonderes anbieten, aber keine Besonderheit sein. „Die Kunst ist es, ganz Görlitz mitzunehmen. Wir können uns nicht auf Laufkundschaft verlassen, sondern müssen aktiv daran arbeiten, interessant zu sein“, sagt Sebastian König. „Aber wir wollen zeigen, dass man eben auch hier tolle Produkte findet und nicht zum Einkaufen in den Dresdner Elbepark fahren muss.“

Den weitesten Weg hatte Sebastian König, eigentlich Süddeutscher, „aber kaum praktizierender Bayer“. Er kam vor über acht Jahren zum ersten Mal nach Görlitz, um einen Freund zu besuchen. „Mir hat es so gut gefallen, dass die Aufenthalte immer länger wurden“, sagt der 38-Jährige. Irgendwann zog er ganz hierher, gründete eine Familie und baute sein Rad-Recycling-Unternehmen auf. Clemens Kießling, mit 26 Jahren der Jüngste, ist gebürtiger Freiberger und hat jahrelang als Politikstudent in Dresden gelebt. Nebenbei begann er einen Textilhandel aufzubauen und sich auch in der Großstadt nach geeigneten Räumen umzuschauen, aber weder fand er dort genügend Platz noch erschwingliche Mieten, auch keinen inspirierenden Gründergeist, also zog er weiter in den Osten. Robert Melcher ist der Einzige, der in der Region verwurzelt ist. Er stammt aus Weißwasser, ist gelernter Zimmermann, hat zudem Produktdesign studiert und sich als Möbeldesigner selbstständig gemacht. Die ersten Anläufe unternahm er allein, aber musste auch feststellen, wie schwierig es ist, sich als kreativer Solitär durchzuschlagen. Die drei Unternehmer haben sich mit der Zeit kennengelernt, denn ein Vorteil einer mittelgroßen Stadt wie Görlitz ist: Es gibt hier kein kreatives Chaos, eher das Gegenteil. Gründergeister fallen auf, finden sich schnell und bilden effektive Netzwerke.

Anfang 2016 haben Kießling, Melcher und König die Jakobspassage eröffnet, ein Gemeinschaftsgeschäft, das die Produkte jedes Einzelnen anbietet, aber auch für andere Unternehmer offen steht. Inzwischen sind auch die Sortimente einer Schmuckdesignerin, eines Weinhändlers und eines regionalen Modelabels mit Blaudruck-Kollektionen eingezogen. Weil die Geschäftsidee gut funktioniert, will das Team die Räumlichkeiten demnächst erweitern. Für sie ist die Stadt ein Glücksfall, auch weil sie manche Kämpfe nicht erst ausfechten müssen, das haben andere Vorreiter noch anders erlebt, sie aber bestätigen, dass man ihre Arbeit unterstützt und achtet. Görlitz steht gern mal im Verdacht, ein Paradies für Rentner zu sein, aber diesem Ruf will die Stadtführung etwas entgegensetzen – frische Projekte wie die Jakobspassage sind dabei willkommen. Für die drei Unternehmer besteht die Stadt aus vielen Bildern. „Es gibt das verklärte Image von Görliwood, die Lobgesänge auf eine Stadt, in der der es viele architektonischen Schätze gibt, aber sonst nicht viel passiert. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte,“, sagt Robert Melcher. „Für uns ist Görlitz so wunderbar, weil es hier Bewegung gibt. Man hat spannende Möglichkeiten. Hier ist einfach noch sehr viel zu erwarten.“

 jakobpassage.org

Text: Doreen Reinhard / Fotos: André Wirsig

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